Abenteuer aus Schlamm und Wasser

Der Chentii-Aimag liegt im Nordosten der Mongolei, dort haben wir eine letzte Offroad-Tour zusammen mit Ulf und seinem Magirus-Deutz gemacht. Anfangs dachten wir, wir werden ein paar Tage dort verbringen, letztendlich sind zwei Wochen daraus geworden. Gute 1300 km sind wir gefahren, teilweise mit einer Tagesdurchschnittsgeschwindigkeit von 15 km/h. Das Gelände war anspruchsvoll: Schlammgruben und Schlammlöcher, wilde Flüsse, die keine Brücken kennen – viel Anstrengung, aber auch ein großer Spaß, wenn man endlich einmal die Offroadtauglichkeit des Ifchens auf die Probe stellen möchte.

Eine alte Brücke, auf der der einzige Souvenir-Shop weit und breit geschlossen hat. Die Kuh und ich wissen nun auch nicht weiter.
Der Fluss Tereldsch erinnert an den Beginn unserer Reise entlang der Donau. Im Hintergrund erkennt man, dass Brennholz begehrt ist, die Rodung allerdings verboten.
Yaks und ihr Wintermantel.
Lärchenwälder im Gorchi-Tereldsch-Nationalpark, der Schwierigkeitsgrad des Geländes ist noch gering.

Die Chentii-Region erstreckt sich bis an die russische Grenze südlich des Baikalsees, also bis nach Burjatien. Entsprechend ist die Landschaft von borealem Nadelwald und Taiga geprägt. So viele Bäume auf einem Fleck sind in der Mongolei etwas sehr besonderes, zumal es überwiegend Lärchen sind, die jetzt im Herbst die Bergrücken golden erscheinen lassen. Ja, seit wir aus Korea zurückgekehrt sind, ist es in der Mongolei scheinbar über Nacht Herbst geworden. Die Sonne ist zwar geblieben, das Thermometer dagegen zeigt mittlerweile nachts Tiefsttemperaturen bis zu -10 Grad an, tagsüber liegen die Temperaturen zwischen 5 und 15 Grad, die Luft ist trocken, der Wind ist gnadenlos.

Der erste Morgenfrost seit Monaten.
Man trifft im Chentii-Aimag eigentlich nie auf andere Reisende, aber manchmal eben doch: spontanes Männer-Picknick am Wegesrand.

Aufgrund des vielen Wassers, das das Chenitt-Aimag durchzieht, hat es diese Region in sich: matschige Pisten, sumpfiger Boden, mehrere Flussdurchfahrten mussten bewältigt werden. Und das geht so: zunächst hält man am Ufer an und überlegt, ob man selber ins Wasser geht, um die Wassertiefe zu bestimmen. Sprechen Außen- und Wassertemperatur dagegen, kann man warten bis ein anderes Fahrzeug den Fluss quert, anhand dessen sich die Tiefe abschätzen lässt. Oft war das der Fall, denn an den Furten verkehrt regelmäßig eine Fähre, und man kann die Fährmänner dabei beobachten, für welche Route durch den Fluss sie sich entscheiden und wie tief sie selbst dabei ins Wasser eintauchen. Dann schätzt man die bevorstehende Wassertiefe am eigenen Fahrzeug ab, überprüft, ob alle Luken dicht sind, schaltet gegebenenfalls das Licht aus, dann geht es auf Tauchgang.

Eine mongolische Fähre sieht dem Ifa ähnlich und bringt Tier und Mensch sicher ans andere Ufer.
Wer klein genug ist, darf auf die Fähre, alle anderen werden gezogen oder müssen sehen, wie sie klar kommen.
Ein Ifa kommt alleine klar und taucht langsam ins Wasser…
…sucht sich seinen Weg…
…und taucht wieder auf.

Die Bevölkerung im Chentii-Aimag zieht übrigens ein solides Blockhaus mit bewirtschaftetem kleinen Acker der Jurte vor, man spürt die Nähe Sibiriens. Wir waren uns der Grenznähe bewusst, als wir uns in Binder befanden und überlegten, ob wir eine südlichere Route nach Dadal wählen sollten oder die nördlichere, die sich bis auf 9 km der russischen Grenze nähert und laut Karte spektakulärer zu sein schien. Wir haben uns für die nördlichere Route entschieden und aus zeitlichen Gründen gegen ein Grenzzonenberechtigungsschein.

Pisten in der Grenzzone werden dank des Militärs gepflegt und sind großfahrzeuggerecht.
Chentii’sche Dörfer tauchen wie Grenzsoldaten scheinbar wie aus dem Nichts auf.

Wenn man so selten auf Menschen trifft, liegt es außerhalb der Vorstellungskraft, in dieser entlegenen Region auf Grenzsoldaten zu treffen. Aber sie tauchten auf, plötzlich und unerwartet, früh morgens, und sie wollten den Grenzzonenberechtigungsschein sehen, den wir ihnen nicht geben konnten. Dann wollten sie unsere Pässe sehen und mit ihnen und ohne uns zur Überprüfung zu ihrem Soldatenstützpunkt fahren. Nun wissen auch wir, dass man den Pass niemals aus der Hand geben sollte. In solch einer Situation hat man jedoch nur zwei Möglichkeiten:

  1. Möglichkeit: man rückt den Pass nicht heraus, entflammt eine Diskussion, die höchstwahrscheinlich dazu führt, dass die Soldaten unangenehm werden. Man wird stundenlang festgehalten und fragt sich irgendwann, wann der Moment kommt, in dem man die Deutsche Botschaft involvieren sollte. Nicht ohne dem Wissen darüber, dass man etwas ganz Dummes gemacht hat. Peinlich und nervig wäre das.
  2. Möglichkeit: man rückt den Pass heraus, sieht der Staubwolke der Soldaten hinterher, spielt Pacman und hofft, dass man den Pass jemals wiedersehen wird.

Wir haben uns für die zweite Möglichkeit entschieden, nicht ohne vorher noch für ein Foto im Schlafanzug posieren zu müssen. Dann zogen die Soldaten von dannen und gaben an, in zwei Stunden zurück zu sein. Nach fünf Stunden waren sie immer noch nicht aufgetaucht, stattdessen bekamen wir erneuten Besuch von der Polizei und den Nationalparkrangern, die nach unseren Pässen fragten. Wir entschuldigten uns dafür, dass wir uns nicht ausweisen konnten und zeigten in die Richtung, in die die Soldaten samt Pässen abgedampft sind. Polizei und Ranger sind ihnen hinterher gefahren (haben ihnen wohl in den Hintern getreten), und nach einer Stunde kamen die Soldaten mit unseren Pässen zurück. Nun bekamen wir eine Eskorte bis in das 20 km entfernte Dadal zur Grenzsoldatenhauptstation. Unterwegs trafen wir auf Mongolen in Not. Ein kleiner Laster hat sich im Flussbett festgefahren. Der Gefangenentransport machte also Halt und unterstütze mit dicken Abschleppbändern und 160 PS die Männer, die bei 5 Grad Außentemperatur bis zur Hüfte lange Zeit im Fluss ausharrten, um die Bänder gegen die Strömung am Laster zu befestigen. Nach anderthalb Stunden stand der Laster wieder auf dem Trockenen. Lew wurde als Held gefeiert, mit den Soldaten mussten wir uns erneut für ein Selfie aufstellen, dann setzte sich der Gefangenenkonvoi in der einbrechenden Dunkelheit fort. Innerlich hofften wir aufgrund der guten Tat auf Straflinderung.

Gegen den Strom.
Ein dickes Band und ein dickes Fahrzeug müssen her. Unser Begleitschutz hilft (aber nur außerhalb des Wassers).
Das Ifchen musste ackern, denn dummerweise ließ sich die Handbremse des festsitzenden Lasters nicht lösen. Später kam noch ein Trecker zur Hilfe, der gnadenlos mitgezogen hat.

In Dadal angekommen saßen wir in gemütlicher Runde im Ifa mit weiteren Soldaten, einer englischsprechenden Übersetzerin und einem Fotografen, der sich besonders für die von mir gebauten Küchenhängeschränke und unsere To-Do-Liste an der Pinnwand interessierte. Wir wurden mehrmals darauf hingewiesen, dass man sich in der Grenzzone nicht ohne einen Berechtigungsschein aufhalten dürfte, den man nur in Ulaanbaatar erhält. Der Soldat mit den meisten Sternen auf den Schulterklappen fragte uns nach unserem Gastgeber, nach Bekannten und deren Namen (wir haben keine Bekannten!), nach unserem Visum für die Mongolei, nach unseren Absichten. Er hatte weder eine Ahnung von den Visabestimmungen für deutsche Staatsangehörige, noch konnte er sich vorstellen, warum man mit dem eigenen Fahrzeug bis in die Mongolei fahren sollte. Unterlagen wir tatsächlich einem Spionageverdacht? Nahm man an, wir wollten mal die Grüne Grenze austesten? Immerhin blieb man halbwegs freundlich im Umgang mit uns, ging mit uns gemeinsam unsere gesamte Route von Ulaanbaatar in die Chentii-Region durch (was vom Fotografen für das Soldaten-Fotoalbum sorgfältig festgehalten wurde), wünschte uns nach zwei Stunden eine gute Nacht und versprach uns, uns erneut am darauffolgenden Tag einem Interview zu unterziehen. Die Dolmetscherin versicherte uns, wir sollen keine Angst haben, man wolle nur mit uns reden, eventuell hätten wir nachträglich für den Grenzzonenschein zu zahlen. Am nächsten Morgen ging es also in die zweite Runde, jedoch hatte man sich auf soldatischer Seite inzwischen kundig gemacht, sämtliche Rätsel um unser nicht vorhandenes Visum und unsere Absichten schienen sich in Luft aufgelöst zu haben. Geld forderte man von uns ebenfalls nicht mehr. Es folgte nochmals eine Belehrung, man erkundigte sich, ob wir auch sämtliche Dschingis Khan-Geburts-, Feldzugs- und Lagerstätten aufsuchen würden und wünschte uns eine gute Reise. Wir haben gelogen, als wir behaupteten, wir befänden uns unmittelbar auf Dschingis Khans Spuren. Wir haben lediglich Wasser aus jener Quelle getankt, aus der auch Dschingis getrunken haben soll, hofften dabei, dass keines seiner Barthaare unseren Wassertank verunreinigen würde und machten uns mit unseren Pässen vom Acker.

Wir sind wieder frei. Neben uns die Helme von Dschingis Khans Gefolgsleuten.

Die gesamte Region erschien uns wesentlich weiter weg vom Schlag zu sein als der von uns bereiste Teil der Gobi, wenngleich sie sich viel näher an der Hauptstadt befindet. Die Steppen waren weitläufiger, es gab kaum Überlandleitungen, die teilweise über Hunderte von Kilometern das Land durchziehen, zwischen einzelnen Dörfern lag schon mal eine Drei-Tages-Fahrt, was wie bereits erwähnt auch dem Gelände geschuldet war. Da aber die sibirische Taiga wesentlich unwegsamer ist, ist ein Ritt durch den Chentii-Aimag eine lohnende Alternative, möchte man Taiga kennen lernen.

Im Kriechtempo über offizielle Straßen.

 

Ein Magirus als Eisbrecher.
Manchmal sind es die kleinen Gräben, die tückisch sind.
Die Hinterachse hat es nicht geschafft und der Magirus musste an die Leine genommen werden.
Ungefährliche Steppenpisten.
Chentii-Steppe am Mittag.
Chentii-Steppe am Morgen.
Alle großen Abenteuer gehen einmal zu Ende. Der Reifendruck kann wieder erhöht werden.

Nun sind wir erneut und zum letzten Mal in Ulaanbaatar. Ulf muss ein paar Federn tauschen, am Ifa muss der Bremskraftverstärker repariert werden. Der in der Mongolei so beliebte Federbruch blieb uns erspart, und nur noch wenige Schrauben müssen eine Loctite-Behandlung erfahren. Fazit: Das Ifchen hat im anspruchsvollen Gelände erfolgreich bestanden! In ein paar Tagen müssen wir die Mongolei verlassen haben, wir wollen es mit den Grenzsoldaten schließlich nicht bis auf die Spitze treiben. Am Baikalsee werden wir uns beim Anblick der schönen sibirischen Taiga an wilde Zeiten in der Mongolei erinnern und Pläne für das Weitere schmieden.

Der Schnee hat bereits die Berge um Ulaanbaatar erreicht.

 

2 Kommentare

  1. Was für eine abenteuerliche Geschichte und spannend erzählt! Danke Swantje, dass Du in kritischen Momenten den Fotoapparat in die Hand nimmst (das kann ja manchmal nerven).
    Die Soldaten werden bestimmt ihren Familien von den tollen Erlebnissen mit Euch erzählen.
    Warum gibt es so wenig Bäume in der Mongolei? Vor Jahrhunderten abgeholzt?

  2. Hallo ihr Abenteurer, ich hoffe euch geht es gut. Lange nichts mehr von euch gehört. Ich glaube eure Fan-Gemeinde wird langsam unruhig 😉

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