Einsamkeit und Unverständnis auf Mani

Wir haben Kalamata verlassen, nicht ohne den stadttypischen Geruch als Erinnerung mit uns zu nehmen. Am letzten Abend habe ich frisch gewaschene Wäsche zwischen die benachbarten Segelboote zum Trocknen aufgehängt, in der Hoffnung, den Frischegrad durch die Lufttrocknung zu optimieren. In der Nacht haben sich die Gerüche der fisch- und olivenverarbeitenden Industrie in ihr verfangen. Mit dem Geruch des Hafens zog es uns nun auf die Halbinsel Mani (Mittelfinger der Peloponnes).

Betroffene haben uns bereits vom kräftigen Wintereinbruch in Deutschland berichtet. Und da es nicht unsere Absicht ist, mit permanenter Schönwetterfotografie Neid hervorzurufen – so sah es heute Morgen vor der Tür aus:

6°C, Windstärke 8, der strömende Regen war gerade vorüber

Die unter dem Ifa tobenden Windböen sorgten für eine groteske Geräuschkulisse, das Schwanken hat mich glauben lassen, dass die Wellen den Wagen bereits mit sich gezogen hätten. Und dann denke ich an die Mongolei… Ich befinde mich eben noch im Gewöhnungsprozess hinsichtlich des Verhaltens des Ifas in besonderen Situationen.

Um nicht den gesamten Tag auf neun Quadratmetern auszuharren, braucht es bei schlechtem Wetter ein Schlechtwetterprogramm. Gemeinsam mit unseren wiedergetroffenen finnischen Bekannten haben wir eine Tropfsteinhöhlenfahrt per Boot unternommen. Fotos sind an dieser Stelle sinnlos, wenngleich die Höhlen bei Pyrgos Dirou schon deshalb spektakulär sind, da die gesamte Höhlenlandschaft vom Wasser gespiegelt ein gigantisches Erscheinungsbild ergibt. Ich nehme aber an, dass die meisten bereits eine Tropfsteinhöhle gesehen haben, außerdem ist Höhlenfotografie extrem anspruchsvoll.

Höhlen des Cthulhu

Der Ort Pyrgos Dirou gibt einen Vorgeschmack darauf, was uns im südlichen Teil Manis erwarten wird: weite unbewohnte Landstriche mit vereinzelten Siedlung, die nur noch teilweise bewohnt, teilweise komplett verlassen sind. Das bevorzugte Haus ist immer noch der Wohnturm, der jahrhundertelang Vorteile bei der Abwehr von venezianischen, spartanischen oder osmanischen Heeren bieten sollte, offenbar mit Erfolg. Versuche ich, mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln (Internet) weiterführende Informationen über die Geschichte Manis zu erhalten, so stoße ich auf einen miserablen Wikipedia-Artikel und weitere im kolonialistisch-romantisierenden Stil gehaltene Beschreibungen des „ewig edlen und wilden Volkes der Mani“. Für eine lesbare ebook- oder Artikelempfehlung über die Geschichte Peloponnes’/Südeuropas würde ich mich freuen – bitte Links oder Dateien mir per E-Mail zuschicken, im Kommentar erscheinen sie nicht. Vielleicht finde ich dann auch eine Antwort darauf, ob die Gebirgsdörfer deswegen so verlassen sind, weil kommunistische Partisaninnen und Partisanen im Bürgerkrieg der 1940er Jahre die Abgelegenheit der Region zu schätzen wussten, woraufhin angeblich viele Menschen aus ihren Wohntürmen geflohen sind.

Mit Sichel für die Unabhängigkeit

Uns gegenüber verhält man sich bislang freundlich. Von der Höhlentour wieder am Wagen angekommen, hat uns jemand ein Büschel aus selbstgepflücktem Salbei und Rosmarin auf den Tank gelegt. Jedenfalls interpretiere ich Freundlichkeit in diese Geste, eine andere Bedeutung des Schenkens dieser Kräuter ist mir nicht bekannt. Auch nicht bekannt ist mir der Sinn des Aufhängens, Hinstellens oder Einmauerns von PET-Flaschen, ein Kult, der uns schon seit Italien begleitet. Die uns bekannten Gründe sind allesamt so hanebüchen, dass ich sie nicht glauben will (Abwehr von Insekten durch Reflektionen im Wasser, lokaler Lieferdienst für Heilwasser, Abwehr von markierenden Katzen und Hunden). Die eingemauerten Flaschen sind uns übrigens erst in Griechenland begegnet.

Erst eine aufwendige Steinmauer mauern, dann schmückend PET-Flaschen drin versenken

Auch hier freuen wir uns über aufschlussgebende Erklärungen, bitte nur glaubwürdiger Art.

Falls das nun aber nicht deutlich geworden sein sollte: wir genießen die Einsamkeit Manis, und gegen Unverständnis gibt es Abhilfe.

 

2 Kommentare

  1. So einen Wohnturm würde ich gerne mal auf einem Foto sehen.

    Das Büschel aus Kräutern auf dem Tank ist rührend. Vielleicht war es ein Kind, das den Ifa bewundert.

    Die eingemauerten PET-Flaschen sind beeindruckend. Die Mauer wirklich schön, in Deutschland bringt kaum jemand so etwas zustande. Die Flaschen scheinen keinen Witz zu haben. Und sind so unregelmäßig tief versenkt; wahrscheinlich war es schwierig, sie in die Mauer reinzudrücken.
    Es gab Zeiten der Bewunderung für Kunststoffe und ihre völlig neuartigen Eigenschaften, Stolz auf die Chemieindustrie. Wertschätzung von PET-Flaschen. Wie relativ ist doch das Schönheitsempfinden.

    Der Winter im Norden war kurz, aber konsequent. Ohne Salz oder wenigstens Asche oder Sand war kein Gehen mehr möglich, allenfalls Rutschen; zentimeterhohe Anhöhen unbewältigbar. Durch die Römerstrasse habe ich mich an den Zäunen gehangelt.
    Berlin hat sich mit Schnee, Matsch und Salz arrangiert.
    Machts weiter gut im südlichen Winter.

  2. Hallo Lew, hallo Sintje,
    Sehr unterhaltsam euer Tagebuch! Ist schon lange her, dass ich mich hierher verirrt hatte, aber jetzt bin ich Fan.
    Kräuterbüschel auf ostdeutschen 4×4 Fahrzeugtanks sind (gemein bekannt) eine uralte peleponesische Weise zu sagen: „was hat die Alpenhütte da hinten drauf zu suchen?“ Oder auch: “ Malt mal das Auto lieber rosa an“
    …dafür nicht.
    <3

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