Geek out in Korea

Was hatten wir für eine gute Idee, als wir vor einigen Wochen beschlossen haben, unsere Reise doch noch Richtung Osten fortzusetzen und nach Korea zu fliegen. Dem Ifchen haben wir eine kleine Auszeit gegönnt, wir fanden uns zwei Wochen lang in der ungewohnten Rolle von Backpackern wieder: Unterkunftsorganisation via booking.com, täglich auf der Straße Essbares, Kaffee und Tee besorgen, U-Bahnen und Überlandbusse nutzen – nun, wir befanden uns in Südkorea, all das gelingt dort problemlos. Allerdings gilt zumindest mal für Seoul, dass man für einen schnöden Kaffee Americano oder erstaunlicherweise auch koreanischen grünen Tee intensiver Ausschau halten muss. Grüner Tee mit Frucht und Frischkäse steht dagegen gerade hoch im Kurs, bei den glitzernden Kaffeemixgetränken kam ich nicht mehr dahinter, was in ihnen enthalten ist. Mal sehen, was man in fünf Jahren auf den Straßen von Berlin-Mitte trinkt.

Lew empfiehlt: grüner Tee – Mango – Cream Cheese im Hasi-Becher.
Swantje empfiehlt: Tee nach den alten Regeln im traditionellen Teehaus. War zu sehr mit dem Tee beschäftigt, habe kein Foto geschossen.

Die kleine Rundreise sah folgendermaßen aus: Seoul – Jeonju – Taeanhaean NP an der Westküste – Seoul. Nun muss man sich vorstellen, mit was für staunenden Blicken wir nach wochenlanger Mongoleireise durch Steppen und Wüsten zwischen Jurten und Viehherden plötzlich in dieser Stadt aus der Zukunft ankamen: Millionen Menschen bewegen sich in der Öffentlichkeit und halten dabei dennoch einen angemessenen und respektvollen Abstand zueinander, vor Türen und auf Rolltreppen lieben sie das queueing, Anzeigen auf U-Bahnhöfen informieren über den aktuellen Verbleib des Zuges, der jedoch immer pünktlich und im Drei-Minuten-Takt eintrifft, Müll wird sachgerecht entsorgt, öffentliche Toiletten gibt es kostenfrei quasi überall, ein geregelter Autoverkehr, der keine Eile zu haben scheint, alle Nationalmuseen erheben keinen Eintritt und bieten bei einem Besuch eine App an, die auch funktioniert, buddhistische Tempel bilden keinen Widerspruch zur modernen Stadtarchitektur, kostenloses highspeed-Internet gibt es quasi überall. Samsung, LG und Hyundai scheinen zwar dreiviertel des Landes gekauft zu haben, aber so sieht eben die Zukunft aus. Dafür bieten sie eine Menge Spielzeug, welches man unter anderem im Samsung  D’Light Flagship Store bewundern und anfassen darf.

Einmal im Samsung Flagship Store, schon sind dort alle persönlichen Daten gespeichert. Das erleichtert vielleicht den späteren Kauf eines Samsung-IoT-Kühlschrankes. (IoT: Internet of things.).
Der Jogye-sa Tempel in Seouls Innenstadt ist das buddhistische Hauptquartier in Südkorea.
Mittlerweile ist Biwon, der geheime Garten in Seoul, nicht mehr nur für königliche Augen bestimmt.
Tapgol Park in Seoul, wo 1919 die Unabhängigkeit Koreas von der Japanischen Besatzung ausgerufen wurde.

Irgendwie scheinen die Leute in der Stadt allesamt versorgt und beschäftigt zu sein, so dass man beinahe meinen könnte, Südkorea sei ein propagandistischer Gegenentwurf zu Nordkorea. Nur mit dem Unterschied, dass es die Möglichkeit bietet, sich selbst vom besseren Leben zu überzeugen. Bekanntermaßen muss man hinter die LED-beleuchteten Fassaden schauen, und Seoul ist nicht Südkorea.

Gangnam-Style.
Blick auf Seoul vom N Tower, wenn es dunkel ist.

Jenseits unserer eigenen kleinen Küche waren wir ungewohnterweise gezwungen, uns durch sämtliche koreanische Straßenküchen zu futtern, und es ist unter allen Umständen ratsam, das zu tun. Der Fisch ist frisch und scharf, Kimchi ist variationsreich und scharf, Soju gibt es immer und brennt auch, die Mandarinen von der koreanischen Insel Jeju sind die besten der Welt und so unverschämt teuer, dass man nur hoffen kann, dass der Preis durch die faire Bezahlung der Arbeitskräfte gerechtfertigt ist.

Straßen, die aus Essen bestehen.

Wir wissen nun einiges über die Herstellung des traditionellen Hanji-Papiers, haben in einem traditionellen Haus im Hanok-Viertel in Jeonju hinter Papierfenstern und -türen die vielfältige Verwendung von Papier kennengelernt, haben die steilen Berghänge im Moaksan Nationalpark erklommen, haben uns nach vielen Monaten der Fahrradabstinenz Räder in Jeonju ausgeliehen, haben viele Bergtempel und -klöster besichtigt, von denen jedoch keines den Originalzustand bewahren konnte, sie wurden allesamt im Laufe der Jahrhunderte restauriert.

Unser Gästehaus im Hanok-Viertel von Jeonju. Der Samsung-Kühlschrank zählt nicht zum traditionellen Interieur.
Ein Lotusteich in Jeonju, dessen Blütezeit leider schon vorüber war.
Grüne Berge im Moaksan Nationalpark. Nicht besonders hoch, aber furchtbar steil.
Klapprad statt Rennrad, aber immerhin nach fast einem Jahr überhaupt mal wieder ein Rad.
Als Prinzessinnen verkleidete Touristinnen im Changdeokgung Palast.
Geumsan-sa Tempel im Moaksan NP, 1626 zuletzt wiederaufgebaut. Beherbergt eine 12m hohe Buddha-Statue, die aufgrund ihrer Größe unfotogen ist.
Skurrile Bildergeschichten kann man nicht nur in orthodoxen Kirchen besichtigen.

In der berühmten Kukkiwon-Taekwondo-Schule in Seoul sah ich mich einer für mich kaum stemmbaren Herausforderung konfrontiert: nach den Taekwondo – Demonstrationen wurden einige schon ganz aufgeregte Kinder aufgefordert, auf der Bühne ebenfalls mal ein paar Bretter zu zerdeppern. Einige Kinder und ich. Schon vor der Show überkam mich in der ersten Reihe sitzend kurz die Angst, das so etwas passieren könnte. Ich kann Improvisationstheater einfach nicht ertragen. Und obwohl mir klar war, dass man die Knirpse nicht auflaufen lassen würde, hatte ich die schreckliche Phantasie, man würde mir ein Eichenholzbrett vor die Nase halten und somit wäre die Szene an Peinlichkeit kaum zu übertreffen gewesen. Der Schlag aber saß und so konnte ich letztendlich neben den jungen Taekwondo – Kämpfern bestehen.

Gute Miene zum bösen Spiel.

Natürlich ging es nicht anders, nach den vielen Monaten in Zentralasien mussten wir endlich mal wieder das Meer sehen. Wir sind im trägen aber noch warmen Gelben Meer geschwommen, wo wir den Sandstrand nur mit den ortsansässigen Fischern teilen mussten. Neben sanftem Meeresrauschen und dem Geschrei der Möwen bildeten die Flug- und Schießübungen der in der Nähe stationierten Luftwaffe die Geräuschkulisse – es herrscht offiziell eben immer noch Krieg. Der junge Betreiber unserer Unterkunft erklärte mir, dass in der Vorstellung Südkoreas alles möglich sei, nur ein mit Waffen ausgetragener Krieg mit Nordkorea sei undenkbar. Er hält Südkorea für das sicherste Land der Welt.

Am Gelben Meer kann man sogar im Watt waten.
Koreanische Hotelburgen.
Hier kommt der Fisch her, den man abends in seiner feuerscharfen Suppe wiederfindet.
Hotelzimmerblick und Lautsprecher für den Ernstfall.

Da an den Stränden außerhalb der Saison die Partymeile tot ist, wurde in unserem Appartement abends der Fernseher angemacht, der uns ebenfalls wie ein Gerät aus der Zukunft vorkam. Jetzt wissen wir alles über koreanische infantile Spielshows, koreanische Seifenopern und K-Pop. TV bildet eben doch!

Auch wenn es uns ein wenig schmerzte, den IFA zwei Wochen alleine in der Mongolei stehen zu lassen, Südkorea bietet sich einfach nicht an, um es mit einem Großfahrzeug zu bereisen. Zu stark besiedelt, viel zu viele steile Berge (70% des Landes besteht aus Bergland), Pisten sind de facto nicht existent. Als wir am Flughafen von Seoul unsere letzten Won in Reiskuchen und Kaffee Americano (immer noch besser als Iced-Coffee-Vanilla-Caramel-Fudge-Frappucino) investierten, überkam uns ein wenig die Wehmut darüber, uns wieder von der all zu gewohnten Zivilisation verabschieden zu müssen. In Ulaanbaatar angekommen, sprang uns der uns bereits erwartende IFA schwanzwedelnd entgegen. Mit ihm haben wir uns dann in die Chentii-Region im Nord-Osten des Landes begeben. Großes Fahrzeug, große Landschaft – das passt! Die Chentii-Region ist nicht nur extrem entlegen, sie ist auch extrem anspruchsvoll. Sobald wir sämtliche Flussdurchfahrten gestemmt, sämtliche Mongolen aus den Flussbetten befreit, uns den Schlamm von der Kleidung geklopft haben und die Finger wieder aufgetaut sind, wird diese Region vorgestellt.

(Anmerkung zum Titelbild: es sieht ein bisschen blöde aus, ist aber geeky.)

5 Kommentare

  1. Yay! Ein neuer Blog post! Ihr habt uns jetzt aber echt ganz schön lange auf dem Trockenen gelassen! Gut seht ihr aus. Grüße aus M!

  2. Hey ihr Beiden, alles Liebe aus der ZE und Danke für die Grüße 🙂

  3. Voll cool! Und jetzt doch noch China? 😉 Liebe Grüße aus B., Steffi

  4. Danke, das war schön, Eurer Korea-Reise zu folgen. Sehr eindrucksvoll, der Weltenwechsel zwischen der Mongolei und Korea. Nun freue ich mich schon auf die Chentii-Region mit mehr physischen denn virtuellen Abenteuern.

  5. Sehr schönen Bericht. Ich bin beeindruckt und begeistert. Und geek ist sowieso die neue cool. Sasha

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