Steppenwehmut, Baikalpiraten und Schneestürme

Auf Wiedersehen, Mongolei!

Dieses Land haben wir mit Wehmut verlassen. Es war bislang das einzige auf unserer Reise, in dem sich das Ifchen in seinem natürlichen Element zuhause fühlte. Wir haben alle anderen Länder gerne bereist, viel gesehen, freundliche Menschen kennengelernt und Spannendes über die örtliche Situation erfahren. Aber nur in dem Habitat Mongolei sind große Allrad-Wohnmobile echte Endemiten.

In der Mongolei ist das Nomadentum selbstverständlich. Es ist gibt (fast) keine befestigten Straßen. Man rechnet Wegstrecken in Tagesreisen. Die Bevölkerungsdichte beträgt ein Hundertstel der Deutschlands. Privatgrundstücke gibt es nur in Städten – im Rest des Landes kann man frei herumziehen. Wobei ein Kampieren in der Nähe einer Jurte die Gefahr mit sich bringt, dass die Nachbarn einem Schaffleisch oder gar vergorene Milchgetränke aufdrängen wollen. Großartig!

Wenn mich das mongolische Heimweh packt, dann schaue ich mir das kurze Video an, welches Norbert & Heidi bei unserem gemeinsamen Gobi-Trip gedreht haben:

 

Doch das ist schon eine Weile her. Nun sind wir wieder gefangen auf Asphaltstraßen. Russland! Ein hochstrukturiertes Land, in dem das Leben insgesamt ähnlich funktioniert wie in Deutschland. Die riesigen Weiten Sibiriens sind glücklicherweise menschenarm, aber leider völlig verbaumt.

Wieder in Russland!

Unser IFA ist ein Steppentier und kommt da nicht durch. Deswegen haben wir uns zuerst in Irkutsk den Museum-Eisbrecher Agora angeschaut,

Der 120 Jahre alte Eisbrecher Angara in Irkutsk.

und danach die Insel Olchon im Baikalsee geentert.

Olchon ist ein Naturschutzgebiet. Um es zu befahren, braucht man eine Genehmigung und muss ein paar Rubel bezahlen. Da wir im Genehmigungsausstellhäuschen niemand antrafen, sind wir illegal in das Gebiet eingedrungen.

Diese Situation kennen wir ja schon. Am nächsten Tag wurden wir von uniformierten Park-Rangern gestellt. Schlauerweise hatte ich Fotos der verschlossenen Genehmigungsformularausfüllstättentür gemacht, so dass unsere gutwillige Intention zu vermitteln war. Die Ranger nahmen uns nicht fest, sondern forderten uns auf, uns nach Verlassen des Gebietes um das Formular und die Bezahlung zu kümmern (was wir dann auch taten).

Piraten haben wir übrigens auf dem Baikal wider Erwarten nicht getroffen.

Endlich wieder Pisten! Durch die Hügel Olchons.
Noch ein Stellplatz an der Küste.
Die Farben der herbstlichen Olchon.
Noch mehr Olchon-Landschaftsfarben.

Auf dieser Insel gibt es nicht nur Biologie und Geologie zu bewundern, sondern auch Zeichen menschlicher Zivilisation. Genauer gesagt: Menschlicher Religion.

In Europa und weiten Teilen Russlands ist ja das Christentum weit verbreitet, in dem viele brutale Phantasien abgearbeitet werden, die sich um Folter, Schuld, Sünde und Bestrafung drehen. Insgesamt also eher unerfreuliche Fantasy-Geschichten. Der russische Altai, die Mongolei und die Region um den Baikal teilen sich eine angenehmere Form des Aberglaubens. Hier ist der Animismus / Schamanismus weit verbreitet – also die Vorstellung, dass Kleingötter oder Geister in den Gegenständen und Lebewesen der Umgebung sitzen. Diese sind eher eitel und einfach gestrickt, so dass sie mit einem Schluck Wodka oder einem bunten Taschentuch im eigenen Sinn beeinflusst werden können. So beschränkt sich die Religionsausübung auf Wodka-Verkippen (und -Trinken), Bunte-Taschentücher-Aufhängen und Stein-auf-Steinhaufen-Legen. Sehr entspannt im Vergleich zu westlichen Höllendarstellungen!

Bunte Taschentücher für die Geister.
Swantje mit Tee im Herbst auf Olchon.
Olchon bot uns nach der Mongolei vorerst die letzten Pistenabenteuer. In Russland erwarteten uns über tausende von Kilometern nur asphaltierte Straßen.

Nach einer Woche auf dieser schönen Insel flohen wir sicherheitshalber vor dem nahenden sibirischen Winter in Richtung Krasnojarsk. Hier zeigt sich Sibirien wieder als eine Welt der großen Distanzen – die Nachbarstadt ist mal einen Megameter entfernt. 

Zur Nachbarstadt in einem Megameter.

Schließlich holte uns der Winter aber doch ein.

Sibirisches Dorf versteckt im Schnee.
Sibirien!

Sibirien! Es wurde kühl! Während wir nur manchmal nachts bei -15° befröstelt wurden, hat hinter uns der Winter mit -25° in Nowosibirsk zugeschlagen, welches wir kurz zuvor verlassen hatten.

„Friert ihr denn nicht?“ ist die dritthäufigste Frage, die Unwissende uns stellen. Davor kommt nur noch „Wieviel Sprit braucht der?“ und „Wird dem Motor denn nicht zu warm, wenn da das Reserverad vor hängt?“. Wobei die Frier-Frage noch nie von Leuten aus Russland oder der Mongolei gestellt wurde. Wir haben ja auch nicht gefragt, ob die Menschen in ihren Jurten frieren (tun sie nicht).

Nein, wir frieren nicht. Unser Wagen hat eine Heizung. Zusätzlich ist er gut isoliert, um Heizkosten zu sparen und den Komfort zu erhöhen. Auch bei -15° Außentemperatur sitzen wir hier im T-Shirt herum. Es gibt allerdings einen Haken: wir sind technisch nicht für den tiefsten Winter gerüstet. Der Gastank, dessen Inhalt zum Heizung verwendet wird, befindet sich aus Sicherheitsgründen außerhalb der Wohnhütte; er hat also Umgebungstemperatur. Das Gas allerdings möchte ab einer gewissen Niedrigtemperatur kein Gas mehr sein, sondern flüssig im Tank bleiben – Heizung und Küche bleiben kalt. Diese Verweigerungstemperatur liegt bei Propan bei etwa -42° und bei Butan bei etwa -1°. Man möchte also in Sibirien unbedingt Propan und kein Butan im Tank haben, damit das da auch wieder gasförmig herauskommt und sich verbrennen lässt. Das Problem ist, dass man hier an Gastankstellen nur wilde Mischungen aus beiden Gasen bekommt. Wir wissen demnach nie genau, ab wann die Heizung aussetzt. 

Morgens befreie ich die Frontscheibe vom Eis.

Unsere aktuelle Gasmischung scheint eher butanlastig zu sein. Die zweite Nacht mit den schon erwähnten -15° führte zu einer deutlichen Verkleinerung und Herumfunzelei der Heiz- und Kochflamme. Die Heizung sagte uns damit: „Bei -20° werde ich nicht mehr funktionieren wollen.“ Zum Glück wurde am nächsten Tag das Wetter wieder milder und die Flamme damit größer. Für uns ist das aber ein Zeichen, dass wir uns mit der Weiterreise ins wärmere Kalmückien lieber beeilen sollten.

Trotz des Winters im Nacken, blieben wir für ein paar Tage in Tomsk. In dieser Universitätsstadt traf ich den Schriftsteller Anton Tschechow, der meine Hutmode kopiert hat.

Anton und Lew. Antons Schuhe stecken hinter ihm (nicht im Bild sichtbar) im Morast.

Es galt, Swantjes Geburtstag nachzufeiern, weswegen wir erst ein prunkvolles Café besuchten.

Ein Café, nicht mehr im sowjetischen Stil

Am nächsten Tag fanden wir uns im „historischen“ Restaurant Solyanka wieder, wo neben Jimi Hendrix auch die Rolling Stones und Lenin an der Wand hängen.

Doch es gibt in Tomsk noch mehr Brüche mit der klaren historischen Linie. Wir besuchten das Repressions-Museum, welches sich mit dem stalinistischen Terror hauptsächlich der Jahre 1936-1938 in Bezug auf die Region Tomsk beschäftigt. Dort schlossen wir uns spontan einem englischsprachigen Museumsführer an, von dem wir viele Details aus Vergangenheit und Gegenwart erfuhren. Das Museum ist im ehemalig Folter- und Gefängniskeller des NKWD untergebracht, von wo aus die Überlebenden in das Gulag-System überführt wurden. Das erste Mal auf unserer Reise durch Ex-Sowjet-Staaten fanden wir hier ein historisches Museum, dass nicht einfach ein Überrest oder eine Kopie stupider Sowjetpropaganda ist.

In Tomsk sahen wir auch noch mehrere Moscheen. Hier ist eine davon, eine russische Zwiebelturm-Moschee.

Die Moscheen in der Türkei sahen anders aus.

Etwa ein Sechstel der Einwohnerschaft Tomsks sind Studierende. Entsprechend handelt es sich um eine universitär geprägte Stadt. Es fiel uns diese Sprüherei auf, welche ich nicht vollends verstehe:

Ist das ein Wunsch oder die Wiedergabe einer Tatsache? Hat jemand sein Stipendium bekommen und das mit einer Sprühaktion gefeiert? Oder liegt dem Spruch eine Ironie zugrunde?

Wir sind zum Glück nicht mehr so universtitätsorientiert, sondern eher reiseorientiert und fahren weiter in Richtung Westen, auf der Flucht vor dem Frost…

…und scheinen ihm doch nicht zu entkommen.

2 Kommentare

  1. Herbst ist schöner in der Mongolei. Kühe wie Hügel. Ihr fehlt mir. Ich melde mich mal per mail, da ich mein „Smartphone“ nicht mehr bedienen kann. XO, Sasha

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