Wir sagen nicht nein zu Besuch an Bord

Entfernt man sich von Istanbul Richtung Binnenland, erhält man recht schnell ein Bild der ländlichen Türkei. Auf der gut asphaltierten Straße nach Antalya passiert man nur noch mittelgroße Städte und einige Dörfer, zeitweise ist man nur noch von Prärie umgeben, die am Horizont von massiven und zu jener Zeit schneebedeckten Bergen eingegrenzt wird. Ein kleiner Vorgeschmack auf die Mongolei sozusagen, lediglich die Überlandleitungen erinnern daran, dass Zivilisation nicht fern ist. Nachts in der Hochebene ist uns bei einigen Minustemperaturen das Abwasser eingefroren, glücklicherweise nicht das Gas, so dass uns unsere Heizung treu geblieben ist. Das Gas hätte auch nicht einfrieren sollen, in Griechenland haben wir angeblich eine Gasmischung von 70% Butan und 30% Propan getankt, ausreichend für ein paar Grade unter Null. Erkenntnis über das tatsächliche Gasgemisch erhält man also spätestens in den kalten Nächten. Wir verlassen uns darauf, dass uns in Ländern mit extremeren Temperaturgefällen ein Gasgemisch mit hohem Propananteil verkauft wird, dort sollte man auf Minusgrade vorbereitet sein. Kaum lag die eisige Nacht hinter uns, wies uns die zunehmende Wärme den weiteren Weg, ein paar Stunden später erreichten wir Antalya. Die Stadt hatte für uns in erster Linie nur einen Reiz: nach vier Monaten des Unterwegsseins und des Entbehrens von all den lieben Zurückgelassenen gab es ein Wiedersehen mit Ali und Ferdane.

Was ist hier der Star Palace?

Nach zwei Tagen Antalya verließen wir mit den beiden die Baugrube auf der Suche nach Sonne und Meer, mit Erfolg. Aus unterschiedlichen Gründen hatten wir alle ein paar Tage pure Erholung bitter nötig, so dass Gazipaşa zu unserem Sehnsuchtsort auserkoren wurde.

Horizontbetrachtungen
Von hier aus…
…konnte sie uns beobachten.

Nun könnte man fragen, wieso Lew und ich Erholung nötig haben, wo wir uns doch in einer Art Langzeiturlaub befänden. Nein, dem ist nicht so. Immer wieder gibt es die Stunden, die sich wie Urlaub anfühlen, aber Reisen bedeutet auch viel Organisation. Ein Beispiel: wir kommen an einem neuen Ort an und die Beschaffung von Nahrungsmitteln und das Wäschewaschen steht an. Also müssen die entsprechenden Geschäfte oder der Markt gefunden werden (eventuell muss man mit langen Mittagspausen rechnen) sowie eine Reinigung oder eine anderweitige zur Verfügung stehende Waschmaschine, was durchaus schon mal einen halben Tag in Anspruch nehmen kann. Nicht einkalkuliert sind dabei die unvorhergesehenen Teeeinladungen, die wir nun immer häufiger erhalten und durch die wir uns gerne vom eigentlichen Plan abhalten lassen. Das Planen der weiteren Reiseroute benötigt ebenfalls seine Zeit, ebenso routinemäßige Wartungsarbeiten am Ifa, gelegentlich gibt es die Option auf eine Dusche oder ein Hamam, beides eine willkommene Abwechslung zur Körperwäsche mit Schüssel und Waschlappen im Wagen. Kurzum, ein Tag kann fix vorbei sein und dabei hat man sich nur mit reiseerhaltenden Maßnahmen beschäftigt. Die vielen Stunden im Cockpit sind mit dem Liegestuhl ebenfalls nicht vereinbar. Führte ich mir anfangs noch vor Augen, wie ich „in den alten Tagen“ (Zitat meines Neffens) in Berlin scheinbar beiläufig diese Aufgaben erledigt habe und mich dabei noch fragte, was ich jetzt falsch mache, habe ich mittlerweile längst erkannt, dass diese an ständig wechselnden Orten eine Herausforderung darstellen können. Welch eine Erkenntnis, die Beschäftigung mit dem Alltäglichen in einer gewohnten Umgebung erspart einem viel Zeit und benötigt weniger Aufmerksamkeit.

Wäsche mit Eukalyptusduft.
Benötigt keine Organisation: Sitzen auf Stein.

Länger als drei Tage haben Lew und ich bislang noch nie Rast gemacht, Großstadtbesichtigungen mal ausgenommen. Wie praktisch, dass sich unser Bedürfnis nach einem Sonne-Meer-Cocktail mit Alis und Ferdanes Geschmack vereinbaren ließ: er schmeckte köstlich!

Zwischen Gazipaşa und Meer passt nur ein Klappstuhl.

Nun steht fest: im Ifa kann man auch zu viert wohnen und schlafen. Zwei zusätzliche Schlafmöglichkeiten auf dem Boden im Wohnraum sowie vorne im Cockpit wurden erfolgreich erprobt und für gut befunden. Wer sich also traut und Fernweh hat, darf sich gerne an uns wenden, wir freuen uns auf weitere Besuche! Unsere Route sieht vor, noch ein wenig an der Küste im Süden der Türkei entlangzufahren, über Kappadokien geht es nach Trabzon, Anfang April wollen wir in Georgien sein. Danach folgen Russland, Kasachstan und die Mongolei, teilweise im Wechsel. Damit fällt der Iran leider aus dem Programm, aus unterschiedlichen Gründen. Wer also Lust auf die genannten Länder verspürt, darf sich gerne bei uns einmieten. Wir dagegen haben morgen eine Verabredung mit den hier lebenden Eltern eines ehemaligen Arbeitskollegen von mir. Wer also Leute kennt, deren Aufenthaltsort unsere Route touchiert und die gerne Besuch empfangen, sollte es uns wissen lassen, auch wir suchen gerne Leute auf. 

Der Besuch von Ali und Ferdane tat gut, der zu erwartende Abschied nach eineinhalb Wochen wog schwer, die vielen Abschiede der vergangenen Monate haben mein erträgliches Abschiedsvermögen bis auf Jahre strapaziert. Lew und ich bewegen uns wieder in Zweisamkeit entlang der Südküste gen Osten so weit es eben geht. In der Türkei machen wir häufig die Erfahrung, dass man Reisenden offenbar etwas schenken möchte. Das begann schon an einer Mautzahlstelle vor Istanbul, wo uns die Frau im Zahlhäuschen Mandarinen mitgeben wollte. Mein Teekonsum hat noch mal zugenommen, bekommen wir diesen manchmal beinahe im Vorübergehen auf der Straße gereicht. Und in Anıtlı, wo hauptsächlich Bananen angebaut werden zwischen denen wir wohnten, brachten uns die Pflücker eine ganze Staude an den Wagen, während uns die ortsansässige Jandarma Sicherheit schenken wollte. Diese klopfte lautstark eines Abends um 22.30 Uhr gegen unseren Wagen, zwang uns somit, wieder aus dem Bett zu krabbeln und begrüsste uns mit greller Taschenlampe und Maschinenpistole. Das Übliche, sie wollten unsere Pässe sehen und unseren Weg erfahren. Am Ende warnten sie uns vor nächtlichen Störenfrieden (!) und Ganoven (!) und baten uns, sie zu kontaktieren, sollten wir in Schwierigkeiten geraten. Is this a ‚Thank-you‘ situation?

Reicht für Bananenkuchen, Bananenporridge, Bananenmüsli…

Wie gut, dass wir bislang jede freundliche Geste bejahend angenommen haben, denn später erfuhren wir, dass ‚hayır‘ (türkisch ’nein‘) momentan den Charakter eines verbotenen Wortes annimmt. Im Hinblick auf die Abstimmung zum Verfassungsreferendum im April wird eigentlich nur ein ‚evet‘ (türkisch ‚ja‘) akzeptiert. Wer ’nein‘ sagt macht sich verdächtig, was angeblich schon zur Folge hat, dass Broschüren vom türkischen Gesundheitsamt, die die Entwöhnung des Rauchens unterstützen sollen, zurückgezogen wurden, ein ‚Nein zur Zigarette‘ könnte missverstanden werden. Ebenso wurden einige Unterrichtsmaterialien aus den Klassenzimmern in Grundschulen entfernt, die den Kindern Verhaltensregeln beibringen sollen und zu häufig das Wort ‚hayır‘ beinhalteten. Klingt nach Monty Python, leider sind sie so fern wie der Verstand vieler Menschen. So skurril einem solche Maßnahmen erscheinen mögen, von diesen und ähnlichen Gruselgeschichten gibt es noch mehr. Es ist beunruhigend, versucht man sich ein Bild von der Zukunft der Türkei zu machen, die Prognosen einiger hier lebender Menschen sind finster.

Vielleicht bleibt irgendwann tatsächlich nur der Mars die letzte Alternative.

3 Kommentare

  1. Nachdem ich fälschlicherweise annahm, nun kämen keine Tagebuchaufzeichnungen mehr, ritt mich doch heute die Neugier und siehe da: 3 von mir unentdeckte Beiträge. Welch schöne und spannende Lektüre zum Tee! Vielen Dank und weiterhin glückliche Begegnungen. Übrigens: zum Frühstück einen Weißbrottoast mit gesalzener Butter und Bananenscheiben – irgendwie müsst ihr ja dieser Menge Herr werden. Liebe Grüße – Karin

  2. Oh ja, „in the olden days“… Während bei Malenchen nun alles entweder gestern oder vorgestern war (da fallen dann schon mal Geburtstag, Fasching, Australien und Weihnachten zusammen), kann Lennard da schon eher historisch aus dem Nähkästchen plaudern. Auch zieht er gern mal die Familie für kindliche Prahlereien heran und wusste so neulich einem Freund stolz zu berichten, dass Tante Swantje und Onkel Lew mit ihrem großen Truck die Welt bereisen. Ihr seid und bleibt hier Thema!

  3. Hallo Swantje, Lew und Deutzmotor,
    ist der Iran ganz gestrichen, oder vielleicht auf dem Rückweg? Wenn ihr in dem Tempo weiterkommt seid ihr ja im Spätfrühling schon in der Mongolei. Wobei Kazachstan wohl ein ganz schönes Kilometergefresse wird. Aber die haben bestimmt billigen Diesel. Ich würde ja gerne mit der ganzen Bagage zu besuch kommen, aber hab erst im Sommer Ferien und weder ich noch ihr wisst wahrscheinlich wo ihr dann seid. Euren Blog zu lesen ist ein bisschen wie selber reisen. Schreibt, schreibt, schreibt! Ich will (noch) mehr updates – wirklich sehr spannend!

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