Zwei Mal Ulaanbaatar

Was haben Lew und ich für ein Glück, dass wir unsere Aufenthaltserlaubnis für die Mongolei problemlos um 30 Tage verlängern konnten. Nicht nur, damit wir ausgiebig das Land bereisen können, sondern auch um beschädigte Lager einer vorderen Radantrieb-Doppelgelenkwelle in Ruhe beheben zu können – und Ruhe und Zeit sollten unbedingt im Gepäck sein, wenn man die Mongolei bereist.

Aber der Reihe nach: unser erster und kurzer Aufenthalt in Ulaanbaatar hatte im Grunde nur den Zweck, die Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern. Nachdem wir diese bekamen, hielt es uns nicht lange in der Stadt, Ulaanbaatar stand als letztes Ziel in der Mongolei auf dem Reiseplan. Es ging also nach Süden in die Einsamkeit der Gobi. Versteht man unter Einsamkeit eine schier endlos weite Landschaft, in der man sich fernab von jeglicher Urbanität bewegt, so ist es durchaus berechtigt, von der Einsamkeit der Gobi zu sprechen. Man sollte jedoch nicht dem Trugschluss erliegen, dass eine Begegnung mit Menschen ausgeschlossen sei. Wir hatten jeden Tag Kontakt zu Mongolinnen und Mongolen, die wie aus dem Nichts hinter Hügeln auf Mopeds oder Pferden auftauchten und manchmal auch schon direkt im Wagen standen. Staubwolken und abendliches Licht im Wagen verraten nun mal auf einer großen Distanz unseren Standort. Es ist durchaus möglich, dass einem zum Frühstück schon mal frisch geschlachtetes und gegartes Schaffleisch gereicht wird.

Im Umkreis von 5 km stehen mit Sicherheit 20 Jurten.

Damit sich die optischen Reize nicht nur auf Berge, Himmel, Steine und kleine Pflänzchen, die hart um ihr Überleben kämpfen müssen, beschränken, wird in den überschaubaren Wüstenstädten so ziemlich jeder Ort, dem auch nur der Hauch einer Attraktion anhaftet, aufgesucht. Das kann ein öffentliches Duschhaus sein, eine Anbetungsstätte zu Ehren Buddhas und der besten Rennpferde, das Heimatmuseum mit seinen Dinosaurierknochen in Dalansadgad oder das buddhistische Kloster in Nomgon, welches wie die meisten buddhistischen Klöster in der Mongolei in den 30er Jahren im Zuge der staatlichen Repression zerstört, mittlerweile jedoch wieder aufgebaut wurde. Spontan hat sich in Nomgon ein junger Elektroingenieur die Zeit genommen, uns durch das Kloster zu führen, obwohl sein Wissen über das Kloster und Buddhismus im allgemeinen, so meine ich, nicht umfangreicher war als meines. Nicht tragisch, ein bisschen über seinen Job in einer chinesischen Mine zu erfahren, war ebenfalls interessant.

Steppenkloster in Nomgon, angeblich das Zuhause zweier Mönche – der letzten ihrer Art in Nomgon.
Die schnellsten Pferde werden in Bronze gegossen und erhalten den seidenen Schal.
Außerdem werden ihre Schädel direkt hinter dem buddhistischen Tempel aufbewahrt.

Von Nomgon aus ging es weiter in der Gobi nach Westen. Nun weiß ich nicht so recht, was ich über stundenlange Fahrten durch Steppe entlang der Altaiausläufer schreiben soll. Vielleicht sprechen ja die Bilder für sich.

Es ist immer wieder der Himmel, der fasziniert.
Steppe und Himmel.
Steppe mit Sand.

Und dann wurde der Weiterfahrt zur singenden Düne abrupt ein Ende gesetzt. Bei einem morgendlichen Wagencheck ist aufgefallen, dass sämtliche acht Lager einer Doppelgelenkwelle (welche ein Vorderrad antreibt) ruiniert waren. Ein Moment der Unaufmerksamkeit beim Einbau der Welle vor vielen Monaten hat dazu geführt, dass Dreck in die Lager eindringen konnte. Das bedeutete für uns Glück im Unglück, schließlich hätte das Vorderrad jederzeit während der Fahrt blockieren können, der Ausbau der Welle und die Schadensbehebung konnten aber nicht im Steppenstaub bewerkstelligt werden. Ein Morgentee reichte nicht aus, um meinen Ärger über die Rückfahrt auf einer 100 km langen Piste nach Dalansadgad runterzuspülen, es dauerte einen Tag bis ich die Bereitschaft zeigte, die Situation zu akzeptieren.

Immerhin war die Piste nach Dalansadgad nicht nur gut befahrbar, sondern auch ausgesprochen hübsch.

In Dalansadgad hat uns eine freundliche Werkstatt aufgenommen, die Mechaniker versuchten, mit allen Mitteln zu helfen. Für aufwendigere oder anspruchsvollere Reparaturen beziehungsweise Ersatzteile (ausgenommen Reifen) ist Jubie (so wird Ulaanbaatar hier genannt) die einzige Adresse. Also geschah Folgendes: Gelenkwelle wurde ausgebaut – Lew fuhr mit ihr mit dem Überlandbus neun Stunden bis nach UB – lernte die Werkstattwelten jener Stadt kennen – knüpfte Kontakte – fand eine fähige Schlosserei – drei Tage später fuhr auch ich nach UB – Bestellung von Lagern in Singapur – warten und hoffen – UB anschauen – Kopfschütteln über den völlig durchgeknallten Straßenverkehr – viele Bekanntschaften mit Reisenden im Guesthouse gemacht und Mitreisende für die Gobi gefunden – koreanische Küche genossen – Anpassung der Lagerbuchsen und Zusammenbau der Gelenkwelle in der Schlosserei – mit Gelenkwelle und Erleichterung wieder in den Überlandbus zurück nach Dalansadgad – heute wird in die Welle wieder eingebaut.

Besondere Unterstützung in UB erhielten wir vom deutschen Exilanten Frank, der mit Organisation und Kontakten dienen kann. Außerdem hatten wir den australischen Ingenieur Leal an unserer Seite, der gerade seine Motorrad-Spenden-Sammel-Tour von England bis in die Mongolei beendet hatte. Inspiriert von ihm plant Lew nun im Kopfe einen Besuch in Brisbane auf dem Mopped.

Unser Gobi-Reiseteam hat uns gestern im richtigen Moment erreicht, so kann der gesamte Einbau schneller vonstatten gehen. Dieser Spaß kostete uns insgesamt zwei Wochen, dank der mongolisch-australisch-niederländisch-deutschen Unterstützung aber auch nur zwei Wochen – immerhin werden diese wohl ewig Teil unserer Reiseerinnerungen bleiben. Außerdem haben sie uns mit angenehmen Leuten zusammen gebracht hat.

In Dalansadgad musste das Ifchen anderthalb Wochen ohne uns stehen.
Demontage der Gelenkwelle.
Remontage der Gelenkwelle (und alle machen mit!).

Unser Guesthouse in UB schien Reisenden in erster Linie dafür zu dienen, Reiserouten und -erlebnisse austauschen. Vor allem erfährt man dort sämtliche Schauergeschichten über im Schlamm wegrutschende 13-Tonner am Pamir-Highway, defekte Dieseltanks in der Wüste und Motorradunfälle und -weiterfahrten mit Armbruch. Lew und ich stehen offenbar mit unseren gelegentlich auftauchenden Schweißperlen auf der Stirn nicht alleine da. Die Bekanntschaft mit Leidensgenossinnen und -genossen trug ungemein zur Relativierung unserer Situation bei. Wenn alles gut geht, folgen bald weitere Fotos von Wolkenformationen, Wüstenseen und Sanddünen. Nach UB wollen wir nun nicht mehr, aber die Zukunft ist ungeschrieben.

Das Chojin-Lama-Kloster vor Ulaanbaatars Blue Sky, womit nicht der Himmel gemeint ist.

 

1 Kommentar

  1. Also ich hätte euch die Ersatzteile auch von hier per UPS schicken können. Gar kein Problem. Hab da jetzt Beziehungen. Ich gebe Aufträge nun von vornherein über die Beschwerdeabteilung auf…

    Gute Weiterreise!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.