Das Kartografische Manifest der Reisenden

Das Kartografische Manifest der Reisenden

Ein Aufruf, die Erfassung der Welt in die eigenen Hände zu nehmen
Lew I. Palm

Weltweit ist ein Kampf entbrannt – der Kampf um die Hoheit über die Erfassung aller Dinge. Lange Zeit lag die Erfassung, Beschreibung und Definition der Einzelteile der Welt in den Händen von großen Firmen, Regierungen und Kirchen. Wir Einzelpersonen, also die Bevölkerung der Erde, konnten dieser Machtkonzentration mangels Infrastruktur nichts entgegen setzen.

Die Beschreibung dessen was ist, wo es ist und wie es ist, findet sich in Schulbüchern, offizellen Karten, Tageszeitungen oder dem Duden. Hinter all dem steht immer das Macht- oder Geldinteresse einer über den Inhalt bestimmenden Chefetage. Das Ergebnis, das Produkt dieses Interesses, stimmt allzu häufig nicht mit unserem Interesse überein. Wir wollen, dass die Hoheit über die Bestimmung der Welt bei uns, der Bevölkerung, liegt, und nicht geleitet ist vom Streben einzelner.

Und wir werden diesen Kampf gewinnen. Die Wikipedia zeigt es. Trotz des Jammerns und Weinens vieler Professoren, Chefredateure und anderer Hohepriester der Meinungshoheit, hat die Zusammenarbeit Vieler jede Brockhaus-Enzyklopädie hinweggefegt. Das Berufsexpertentum will sich an seine Pfründe klammern – und wird verlieren. Das ist kein Wunschdenken; kaum jemand wird die hohe Nützlichkeit der Wikipedia im täglichen Gebrauch bestreiten.

Die Wikipedia zeigt, dass eine enthusiastische Zusammenarbeit, die eben nicht von kurzfristigen Geldinteressen geleitet ist, ein Produkt von ganz neuer Qualität und Nützlichkeit hervorbringen kann. Und wir stehen erst am Anfang. Freiwillige Zusammenarbeit über das Internet stellt eine Revolution wie zuvor die Erfindung des Buchdruckes dar, die einen großen Sprung in der Evolution der menschlichen Kultur bewirkt. Das Informationszeitalter kann ein Kooperationszeitalter werden, mit einem immensen Vorteil für Alle.

Was bedeutet das für uns individuell Reisende? Die Beschreibung der Dinge befindet sich in der Wikipedia – das ist praktisch für uns, wenn wir uns Informationen über unsere Umgebung beschaffen wollen. Aber mehr noch interessiert uns die Verortung der Dinge. Daten über Orte. Wo geht die Piste lang, und welche Beschaffenheit hat der Untergrund? Wo ist die nächste Trinkwasserquelle? Hat der nächste Bäcker noch geöffnet? Quert der Weg den Fluss durch eine Furt oder über eine Brücke? Und natürlich allgemein das Problem der Wegfindung: wie komme ich von A nach B?

Diese Fragen lassen sich mit geografischen Daten beantworten. Diese Daten können, je nach Bedarfssituation, dreidimensional oder zweidimensional als Karte visuell aufbereitet werden. Das wird häufig getan, denn grafische Karten ermöglichen Menschen eine schnelle und intuitive Erfassung von geografischen Zusammenhängen. Allerdings kann das Datenmaterial auch automatisch durchsucht oder von Programmen anderweitig verarbeitet oder aufbereitet werden.

Wenn man eine solche Geodaten benutzt, ob als Papierkarte oder über eine Software, erweisen sie mehr oder minder gut ihre Nützlichkeit für die gestellte Aufgabe. Doch sie bergen eine Gefahr. Wir liefern uns den Produzenten der Daten aus. Deswegen ist es wichtig, wer diese Produzenten sind und welche Interessen sie verfolgen. Geodaten bestimmen, was wir Reisenden tun. Sie leiten uns zu bestimmten Plätzen – oder sie halten uns von anderen Orten ab, weil wir abgeschreckt oder gar nicht über diesen Ort informiert werden. Sie bestimmen die Reiserouten, die wir uns überlegen. Durch sie geben wir an einigen Orten Geld aus und an anderen nicht. Vielleicht verdursten wir sogar in der Wüste, weil wir zur falschen Wasserquelle geleitet wurden. Vor allem wurden sie bislang von Institutionen produziert, die Geldinteressen verfolgen und politischen Zwängen unterliegen. Diese Interessen sind nicht die unsrigen. Wir Reisenden sollten selbst die Vermessung der Welt in die Hand nehmen. Wir sollten die Welt in Daten erfassen, die im Besitz der Menschheit sind und nicht im Besitz irgendwelcher Firmen oder Regierungen.

Und das haben viele von uns schon längst getan. Es ist nicht einfach ein Wunsch, dass die von uns erzeugten Geodaten in der Praxis nützlicher und besser werden, als die von großen Firmen hergestellten. Sie sind es jetzt schon – und sie werden durch tausende Freiwillige täglich weiter verbessert. Hier ist natürlich die Rede vom Openstreetmap-Projekt. Openstreetmap ist eine Geodatenbank, deren Inhalt uns allen gehört.

Diese Besitzverhältnisse haben direkte Auswirkungen auf die Qualität der Daten und auf die Motivation der Kartografierenden. Überall dort, wo sich kein Massengeschäft machen lässt, aber Menschen mit Begeisterung unterwegs sind, übersteigt die Qualität der Openstreetmap die der kommerziellen Karten. Trifft man Reisende auf abgelegende Wanderwegen in den Bergen oder Pisten in der Steppe – fast alle verwenden Kartenmaterial, das aus Openstreetmapdaten erzeugt wurde.

Aber die meisten Reisenden sind immer noch User. Leute, die ein Produkt konsumieren. Sie beschäftigen sich nicht mit den Hintergründen der Entstehung der Daten, sondern benutzen Openstreetmap einfach, weil es sich als das beste Material für das Reisen herausgestellt hat. Das ist völlig in Ordnung – genau dafür haben wir die Daten ja erfasst: damit die Menschen sie nutzen können.

Doch es geht noch besser. Gerade für uns individuell Reisende ist Selbstbestimmtheit und Eigenverantwortung wichtig. Wen wir unterwegs treffen, was wir an fernen Orten tun, welche Route wir wählen; all dies liegt, mit allen Schwierigkeiten, in unserer Hand, weil wir es so gewählt haben. Wir wollen keine Institutionen, die uns unseren Weg vorgeben. Unsere Geisteshaltung ist verwandt mit der des Openstreetmap-Projektes und wir profitieren von dessen Produkt. Openstreetmap ist die Karte der Reisenden. Es ist an der Zeit, um etwas zurückzugeben.

Reisende, die ihr Openstreetmap-Karten verwendet, kartografiert! Beteiligt euch! Jedes Detail, was ihr verzeichnet, ist ein Datengeschenk an die Menschheit. Es wird nicht verloren gehen. Jeder eingetragene öffentliche Wasserhahn hilft. Jede Piste, die ihr einzeichnet, verbessert die gesamte Weltkarte und motiviert andere zur Benutzung der Openstreetmap. Openstreetmap ist ein Projekt von und für die ganze Menschheit!

Reisende aller Länder, kartografiert!

 

Das Kartografische Manifest der Reisenden als PDF