Die Steppe hat uns zurück

Es gibt zwei wichtige Dinge, die wir bislang auf der Reise verinnerlicht haben: geduldig sein und jedes Warten hat einmal ein Ende. Nach fast vier Wochen in Tiflis hatten wir beschlossen, dass der Zeitpunkt gekommen ist, an dem das Warten auf ein Paket aus Deutschland ein Ende haben muss. Die Beschaffung der Iranvisa verlief unproblematisch, der Versand eines Pakets von Deutschland nach Georgien löste dagegen beinahe eine Retraumatisierung bei Lew und mir aus. Denn nachdem es zunächst die Lagerstationen in Deutschland nicht verlassen wollte, war DHL drauf und dran, das Paket nach Georgia, USA zu befördern. Um nicht noch einmal wie damals in Omsk den gesamten Wahnsinn der Paketdienste zu durchlaufen, packten wir unsere Sachen zusammen, verabschiedeten uns von dem mittlerweile uns so vertrauten Tiflis und steuerten die georgisch-aserbaidschanische Grenze an.

Unser Domizil zwischen den Jahren: der Vake-Park mit Blick auf Tiflis.

Seit einigen Tagen befinden wir uns nun in Aserbaidschan. Der Grenzübertritt erforderte lediglich Geduld und wir haben nur 10 US$ mehr gezahlt als es für eine Autoversicherung nötig gewesen wäre. Wir hatten im Vorfeld von schlimmeren Geschichten gehört. Beispielsweise konnten wir anderen Reiseblogs entnehmen, dass fast allen Reisenden mit Fahrzeugen über 5 t nur ein dreitägiger Aufenthalt im Land gewährt wurde trotz eines gültigen 30-Tage-Visums. Offenbar kannten die Grenzbeamten, die unsere Einreise abwickelten, dieses Gesetz (sofern es denn eines ist) nicht oder wollten es nicht umsetzen oder hatten gute Laune oder mochten das Ifchen oder oder. Jedenfalls dürfen wir uns nun länger in Aserbaidschan aufhalten, und das ist auch gut so. Denn Aserbaidschan ist zwar ein kleines Land, dafür durchzogen von unterschiedlichen Klimazonen, was es landschaftlich ausgesprochen attraktiv macht. Jetzt haben wir auch das andere Ende des Kaukasusgebirges kennen gelernt, waren aber auch froh, als wir die letzten Schneeflocken hinter uns gelassen und uns der sonnenreicheren und wärmeren Tiefebene rund um Baku genähert haben – wir haben keine Lust mehr auf Winter und Schnee!

Eine Straße in Şəki in den Ausläufern des Kaukasusgebirges.
Die Sommerresidenz der Khane in Şəki stammt aus dem 18. Jahrhundert, der Baum dagegen aus dem 16. Jahrhundert.

Von Şəki ging es nach Baku, der Perle am Kaspischen Meer. Als wichtigstes Handelszentrum und Verkehrsknotenpunkt in Vorderasien und Öl-Boomtown gelangte die Stadt zu relativ großem Reichtum, den man ihr ansieht und ansehen soll. Allein die lange Küstenpromenade wird täglich mehrmals von Putztrupps nass gewischt. Für uns bedeutete Baku: endlich mal wieder am Wasser sein, aserbaidschanisch frühstücken und insbesondere für mich ein Oberteil finden, das die weiblichen Körperformen zumindest bis Mitte Oberschenkel verdeckt, mit dem ich in den Iran einreisen kann. Die aktuelle Mode in Baku orientiert sich jedoch eher am Schnitt breit und kurz, wahrscheinlich werden die iranischen Kleidermärkte eine größere Auswahl zu bieten haben.

Da Baku beziehungsweise Aserbaidschan ganz allgemein bis vor einigen Wochen noch gar nicht auf unserem Reiseplan stand, ist es um so überraschender, wenn man sich unvorhergesehenerweise an so sympathischen Orten wiederfindet. Das zeigt einmal mehr: Reisepläne sollten eben nicht starr sein, erfahrungsgemäß zwingen sie einen sowieso zur Nichteinhaltung.

Unser Stellplatz in Baku direkt am Kaspischen Meer mit unseren temporären französischen Nachbarn.
Blitzeblanke Meerespromenade, blitzeblanke Flame Towers.
Im Kaukasus ist die Verlockung, einen Teppich zu kaufen, groß. Jedoch würde ein Teppich im Ifchen extrem leiden.
Qız Qalası – der Jungfrauenturm ist das älteste Wahrzeichen der Stadt. Bis heute wird diskutiert, warum er überhaupt erbaut wurde. Die Mythen, in denen die Jungfrauen eine Rolle spielen, sind dabei am unglaubwürdigsten.
Bakus Geschichte spiegelt sich in der Architektur wieder: Khanpalast – sowjetische Bauwerke – Flammentürme.

Wir sind überaus freundlichen, offenen und hilfsbereiten Menschen begegnet, selbst die Polizeibeamten sind uns meistens nur mit Neugier begegnet. Aber manipulierte Blitzeranlagen gibt es auch hier, und gerät man in solch eine Falle, kommt man argumentativ nicht sehr weit. So hatte man uns anhand eines Beweisfotos unterstellt, wir hätten 10 km zuvor die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h (70 km/h waren an jener Stelle erlaubt!) um 29 km/h überschritten. Dass unsere Höchstgeschwindigkeit in der Praxis bei gerade mal 70 km/h liegt, konnten wir zwar behaupten, interessierte die Beamten jedoch nicht im geringsten. Und dass 10 km zuvor die Verkehrsschilder etwas ganz anderes vorschreiben, kann man auch behaupten, interessiert aber auch nicht. Also handelt man mit ihnen, so dass wir im Endeffekt nicht die anfänglich verlangten 180 US$, sondern lediglich 30 Manat (15 €) zahlen mussten, die übrigens direkt auf das Smartphone eines Beamten überwiesen wurden. Die genervten Gesichter der anderen Autofahrer verrieten, dass es sich dabei um ein bekanntes Spiel handelte, von dem einem nur schlecht werden kann. Danach half nur das Verlassen der Hauptstraße, um Ruhe und Trost bei den nicht-korrupten Schlammvulkanen zu finden.

Das Ifchen versteckt sich hinter Schlammvulkanen vor hanebüchenen Anschuldigungen.
Schlammvulkane gurgeln und blubbern vor sich hin…
…und spucken gelegentlich kalten Schlamm anstelle von Lava aus.
Ungefährlicher Schlammstrom.
Für ein morgendliches Schlammbad stimmt die Badetemperatur leider nicht.

Die Schlammvulkane liegen inmitten einer hügeligen aber kargen Steppenlandschaft südlich von Baku. Wieder kommen gute Erinnerungen an schier endlose Pistenfahrten quer durch die Mongolei auf, auch hier werden uns auf den nächsten Kilometern keine schmalen Bergschluchten und tiefhängende Äste in die Quere kommen. Irgendwie passen Steppe und Ifchen gut zusammen. Bis zur aserbaidschanisch-iranischen Grenze sind es nur noch 240 km und wir sind gespannt – auf das Land, auf die Leute, auf das steigende Thermometer, auf die Wüste Lut!

4 Kommentare

  1. Was für eine schöne Schlammbilderserie! Grüße aus M.

  2. Das hatte ich mir gewünscht – etwas von Aserbaidschan zu erfahren und zu sehen. Flame Towers und Schlammvulkane waren eine schöne Überraschung, wobei mich die Schlammvulkane (auf den schönen Fotos) nachhaltiger beeindrucken.

  3. Hey! Das ist wo ich herkomme — aus dem Kaspischen Meer. Oder mindestens hatte ich mich das als Kind immer eingebildet. Vielleicht bin ich auch nur ein Schlammmensch. Witze bei Seite — gutes Vorankommen und ganz viele liebe Grüße. Sasha

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