In manchen Momenten erschien es uns undenkbar, dass der transsibirische Highway und die tägliche Fahrerei auch mal ein Ende haben werden. Aber irgendwann war es soweit: Sibirien lag hinter uns, und wir beschlossen, nach Tomsk den ersten ernst zunehmenden Stopp in Wolgograd zu machen. 3500 km sind wir zwischen diesen beiden Städten in 13 Tagen gefahren.

Sie ist Teil der Wolgograd Skyline: Mutter Heimat a.k.a. Mutter Russland mit ihrem 33m langen Schwert, sie selbst hat eine Größe von 52m. Zum Größenvergleich: Lew ist 1,79m groß.

Da in Wolgograd während des Zweiten Weltkrieges kein Stein mehr auf dem anderen blieb, wurde die Stadt ab 1943 ganz im sowjetischen Chic wieder aufgebaut. Und so prägen mächtige Bauten im Stil des Sozialistischen Klassizismus die Innenstadt und das Wolgaufer, während mich die Wohnviertel mit ihren Plattenbauten ein bisschen wehmütig an Ostberlin erinnerten.

Die einzige erhaltene Ruine: die Reste der Grudinin-Mühle vor dem Panoramamuseum der Schlacht von Stalingrad.
Schneenacht an der Wolga.
Nicht nur Mutter Russland ist groß, in Wolgograd steht auch der größte Lenin (allerdings ist er 30m kleiner als die Mutter mit Schwert). 1961 hat er an dieser Stelle Stalin ersetzt.

Als Kontrastprogramm zu den unzähligen Stellplätzen in weiten Steppen, spektakulären Wüsten, vor und auf Bergen kam mir unser Stellplatz auf einem LKW-Parkplatz inmitten eines Wohngebietes ganz gelegen. Dabei handelte es sich nicht um einen Ort, den man dringend weiterempfehlen müsste, aber nach all den Monaten in eher dünn besiedelten Regionen, freute ich mich über das Gefühl des Mittendrinseins. Nach ein bis zwei Tagen waren mir alle Wege und Straßen rund um den Parkplatz bekannt und ich verhielt mich genauso geschäftig wie alle anderen. Während es nach Umzügen in Berlin manchmal dauerte bis ich so richtig in einem neuen Kiez angekommen bin, gelingt mir das auf der Reise schon nach ein paar Stunden. Ich vermute, es ist das Bedürfnis, endlich mal wieder irgendwo anzukommen, und dafür bleibt meistens nicht viel Zeit. Übrigens hat sich über den viertägigen Aufenthalt in Wolgograd noch jemand gefreut: mein Körper. Nach der tagelangen Sitzerei im Cockpit auf dem Trans-Sibirischen-Highway war es eine Wohltat zu spüren, dass Beine mehr können, als immer nur angewinkelt zu sein und auch die Rückenmuskulatur konnte endlich mal wieder Spannung aufbauen. Immerhin konnte sie es noch!

Das erste Schleusentor des Wolga-Don-Kanals macht deutlich, dass es sich hier nicht um irgendeinen Kanal handelt.
 

Während der langen Reise durch Sibirien hatten wir genügend Zeit, um Pläne für die kommenden Monate zu machen. Denn ja, wir befinden uns längst schon wieder auf dem Weg nach Westen, und nein, wir wollen noch nicht direkt nach Hause kommen. Auf der Insel Olchon hatten wir bereits beschlossen, dass wir nun doch noch dem Iran einen Besuch abstatten wollen. Der Weg dorthin soll uns über Georgien und Aserbaidschan führen. Neben den üblichen und vor allem iranrelevanten Recherchen zu Geldbeschaffung, Einfuhr- und Zollbestimmungen, Dieselbeschaffungsmöglichkeiten, Kleidungsvorschriften, kommen noch einige organisatorische Dinge hinzu: Visabeschaffung für Aserbaischan und Iran, die Beschaffung eines Carnet de Passage für den Iran. Und da es außerhalb des Ifas gerade aufgrund von dichten Nebelbänken sowieso nicht viel zu sehen gibt, nutzen wir die Zeit für die Beschaffung von sämtlichen Dokumenten.

Heute sind wir in dem uns bereits bekannten Elista angekommen, der kleinen mongolischen Enklave in Kalmückien. Die Tuchknoten an Zäunen und Baumästen und die kleinen Buddha-Statuen haben bei uns eine noch nicht gänzlich verheilte Wunde aufgerissen. In Erinnerung an die Mongolei müssen wir morgen erst einmal einen salzigen Milchtee trinken und einen Buus (mongolische Ravioli: Schafsfleischklops im Nudelteig) verdrücken. 

Ein bisschen Farbe im dominierenden Weiß.
Der uns leider unbekannte Mann und das Ifchen im morgendlichen Nebel.
Nun konnten wir die kalmückische Steppe auch im Frost kennen lernen.

Vielleicht werden es auch zwei Buus, denn wir haben es nicht eilig. Lew hatte es vor einigen Tagen geschafft, Kontakt zu einem Moskauer mit Allrad-LKW-Ambitionen herzustellen. Über ihn konnte ein Reserverad bestellt werden, welches in einigen Tagen in Pjatigorsk, unweit von Elista, ankommen soll. Ein neues Reserverad ist nötig, denn in Sibirien hat sich unser Hinterrad mit dem mongolischen Flankenschaden endgültig von uns verabschiedet. Das Ganze geschah auf einer zum Glück wenig befahrenen Nebenstraße, allerdings bei eintretender Dunkelheit und eintretendem Schneesturm. Wenn ein Hinterrad Luft verliert, so besteht anders als bei einem luftverlierenden Vorderrad die Gefahr, dass man es nicht sofort merkt und der Reifen somit extrem heiß werden kann mit möglichen dramatischen Folgen. Vom Luftverlust bekamen wir also nichts mit, und erst als der Ifa nicht mehr richtig ziehen wollte, sahen wir, dass der Reifen schon gut zerfetzt war. Er war gut warm, stank nach heißem Gummi, ein Brand blieb uns glücklicherweise erspart. Nun sind wir schon lang genug in Russland unterwegs und haben von den russischen LKW-Fahrern gelernt: bei einem Radwechsel bei -10 Grad, Schneesturm und Dunkelheit flucht man nicht – man tut es und trinkt danach einen Wodka zum Aufwärmen.

Das Ifchen ist schmutzig und braucht ein neues Reserverad.
Lew auf der Suche nach einem Reserverad für das Ifchen.

Man könnte annehmen, dass die Beschaffung eines neuen Reifens bei der Dichte an Reifenbuden in Russland kein Problem darstellt, stellt es aber. Zum Einen sind die zu erwerbenden Gebrauchtreifen häufig nur geringfügig besser als unser kaputtes, zum Anderen ist entgegen der im Vorfeld eingeholten Informationen unsere Reifengröße in Russland überhaupt nicht üblich. Dass man wegen des noch geltenden Embargos als Deutsche in Russland bei Firmen nichts bestellen kann, kommt erschwerend hinzu. So kam unser moskauer Helfer ins Spiel, der den scheinbar einzigen in Russland passenden und erhältlichen Reservereifen für uns bestellen konnte. Und bis der Reifen in Pjatigorsk angekommen ist, wird hier Salztee getrunken.

4 Kommentare

  1. Erstaunlich, dass es mit den Reifen so schwer ist. Naja, die Dnjeproshina kommen ja aus der Ukraine. Da ist wohl jetzt auch kein rankommen in Russland.

    Viel Spaß euch noch.

  2. Wenn ihr denn doch nochmal durch Georgien fahrt, versucht mal an swanetisches Gewürzsalz zu kommen; das ersetzt alle anderen Gewürze und duftet und schmeckt wunderbar. Übrigens: wie macht man salzigen Tee – indem man einfach Salz statt Zucker nimmt? Aber jetzt hoffe ich erstmal, dass euer Ersatzreifen bald eintrifft und ihr weiter vorankommt.
    Liebe Grüße – Karin

  3. schon echt was Besonderes, euer wunderbarer Bericht. Eigentlich wollt ich nur was über den Baikalsee lesen— jetzt hab ich 1 1/2 Jahre komplett gelesn und meine herrliche Freude dran gehabt. Mit so viel Scharfsinn und sicherer Schreibe treffend formuliert und diese Masse von Eindrücken immer wieder mit Abstand betrachtet. Brillant und eine einzige Motivation für unsere eigene Reise in den fernen Osten mit unserer alten Maggie. Irgendwann? Hoffentlich bald:—) Kommt gut weiter! Fair winds! Thomas

  4. Spannend, spannend! Ich genieße auch ungemein das Lesen Eure Berichte aus der Ferne, sehr weit weg — I’m an armchair Orientalist after all 🙂 Sei gedrückt! Sasha

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